Die Alte Breslauer Burschenschaft der Raczeks zu Bonn und die flämische Nationalistische Studentenvereniging trafen sich in der Lohmarer Erlebnisbrauerei
Ein Dutzend Burschen fand sich am 20. Juni 2026 nachmittags in der Borgster’s Erlebnisbrauerei in Lohmar (Rhein-Sieg-Kreis) bei deren „Mittsommer-Event“ ein. Sie belegten eine Biertischgarnitur am Rand der öffentlichen Veranstaltung, blieben dort unter sich und pflegten lebhaften Austausch. Ob der Eigentümer der Brauerei wusste, dass es sich bei den mit auffälligen farbigen Bändern dekorierten Gästen um Angehörige mehrerer extrem rechter Burschenschaften handelte, war nicht ersichtlich. Ironischerweise wurde das Fest während einer freundlichen Unterhaltung zwischen Wirt und Burschen mit dem Song „Schrei nach Liebe“ von den Ärzten beschallt. Nach zwei Stunden Bierverkostung brach die Gruppe zur wenige Kilometer entfernten Gammersbacher Mühle auf und ließ sich im Planwagen für eine knapp einstündige Runde singend durch den Wald kutschieren. Danach wurde dort weiter getrunken und gegessen. Anschließend fuhr die Gruppe wieder zurück zur Erlebnisbrauerei, verabschiedete sich, stieg in die Autos und noch vor 20:00 Uhr – nach knapp fünf Stunden – waren alle abgereist.
Besuch „Alter Herren“ aus Belgien
Drei der „Alten Herren“ stiegen in einen privaten Kleinwagen mit belgischem Kennzeichen. Den Farben ihrer Bänder nach handelte es sich nicht nur um Raczeks, denn zwei von ihnen trugen passend zum Nummernschild außerdem Bänder der flämischen Nationalistische Studentenvereniging (NSV!). Der dritte Autoinsasse trug während des Treffens keine Bänder.



Mit den Farben der NSV!: Fahrer des belgischen Wagens (links) und zwei Begleiter
Die Nationalistische Studentenvereniging vertritt eine extrem rechte und separatistische Politik. Sie ist Kaderschmiede für die belgische Partei Vlaams Belang, legt jedoch großen Wert auf parteipolitische Unabhängigkeit, weil sie „Metapolitik“ betreiben wolle. Ihrem Verständnis nach müsse die Metapolitik die Parteien beeinflussen und nicht umgekehrt. Wortwahl und Strategie sind kennzeichnend für neofaschistische Vorfeldorganisationen. In ihrem Wappen trägt sie die Tiwaz-Rune, ihr Instagram-Account lautet auf den Namen „nsvibes“.
Die belgische Korporation pflegt regelmäßigen Kontakt zu Neonazis wie der deutschen Partei Die Heimat oder CasaPound (Italien) sowie der Deutschen Burschenschaft (DB). Die DB ist der Dachverband der extrem rechten Burschenschaften in Deutschland und Österreich. (Zur DB: https://autonome-antifa.org/mot1423.) Die Bonner Raczeks, Mitglied in der DB, pflegen ihrerseits Kontakte zu den flämischen Korporierten. So waren bei einer Veranstaltung in Bonn am 17. Dezember 2024, bei der Maximilian Krah als Redner geladen war, auch drei junge Gäste der NSV angereist. Maximilian Krah galt eine Zeitlang als Vorzeigepolitiker des völkischen Flügels der AfD, fiel aber unter anderem wegen seiner allzu offensichtlichen und mutmaßlich lukrativen Spionagetätigkeiten für China, mehr aber noch wegen seines Einschwenkens auf einen legalistischeren Parteikurs bei Teilen der AfD in Ungnade. Die jungen NSVler waren vom Besuch bei ihren „guten Freunden“ in Bonn und von Krah seinerzeit so angetan, dass sie ihn gleich mitnahmen „in ihr schönes Flandern“.

Gemeinsamer Screenshot der Raczeks zu Bonn und der NSV! nach einer Veranstaltung in Bonn am 17. Dezember 2024, bei der Maximilian Krah im Burschenhaus der Raczeks vorgetragen hatte. Zum Dank für die „bereichernden Einsichten“ habe man Krah gleich mit nach Flandern genommen
Regelmäßig zu Gast bei der NSV! sind prominente Vertreter*innen der europäischen Neofaschisten, so aus Deutschland die AfD-Europaabgeordneten Irmhild Boßdorf und Alexander Jungbluth. Die in Belgien geborene Boßdorf gehört einer völkischen Familie an, pflegt vielfältige Kontakte ins extrem rechte europäische Ausland, vor allem aber zu Vlaams Belang. Die Familie wohnt in Königswinter im Rhein-Sieg-Kreis. (Zu Irmhild Boßdorf: https://lotta-magazin.de/ausgabe/93/netzwerkerin-der-neuen-rechten/.)
Alexander Jungbluth aus Dexheim (Landkreis Mainz-Bingen) war rheinland-pfälzischer Vorsitzender der Jungen Alternative (JA) und wurde 2024 ins Europaparlament gewählt. Sein Studium albsolvierte er in Bonn und trat währenddessen wie bereits sein Vater den Raczeks zu Bonn bei. Außerdem ist er „Alter Herr“ der Burschenschaft Germania Halle zu Mainz. Jungbluth beschäftig nicht nur die Frau des stellvertretenden rheinland-pfälzischen AfD-Landeschefs und Bundestagsfraktionsvizes Sebastian Münzenmaier als Mitarbeiterin, sondern auch Reinhild Boßdorf, Tochter der oben genannten Irmhild Boßdorf. Rheinhild Boßdorf ist seit langem in neofaschistischen Vorfeldorganisationen aktiv. Sie gilt als Gründerin und Gesicht der antifeministischen Frauenorganisation Lukreta, die sich durch Parlamentsmittel der AfD unterstützen lässt (https://www.ardmediathek.de/film/heimat-haekeln-hetze-undercover-unter-rechtsextremen-frauen/Y3JpZDovL3NyLmRlL0hISFU).
Einmal mehr wird der Filz zwischen Burschen, neofaschistischen Vorfeldorganisation wie Lukreta und Parteien der extremen Rechten in Europa wie der AfD oder Vlaams Belang deutlich.
Ein alter Bekannter: Matthias Müller heißt jetzt Eder
Doch auch Verbindungen zwischen Burschen, AfD und (ehemaligen) Neonazis werden immer wieder sichtbar, wie bei einem weiteren Teilnehmer des Treffens in Lohmar deutlich wurde. Gleich mit drei Bändern dekoriert fand sich in einem Wiesbadener Mietwagen Matthias Eder ein, bekannter unter seinem früheren Namen Matthias Müller. Eder ist „Alter Herr“ der Raczeks zu Bonn, der Dresdensia-Rugia Gießen und der Dresdensia Leipzig.


Matthias Eder, früher Matthias Müller, mit den Farben der Raczeks zu Bonn, der Dresdensia-Rugia Gießen und der Dresdensia Leipzig
Eder war schon früh aktiv in der extrem rechten Jungen Landsmannschaft Ostpreußen (JLO). Unter anderem deswegen, aber auch wegen der Teilnahme an Seminaren und Demonstrationen der NPD und als Autor der Jungen Freiheit musste er 2006 von seinem Amt als stellvertretender Vorsitzender des Rings Christlich-Demokratischer Studenten (RCDS) in der Universität Gießen zurücktreten. Zu dieser Zeit war er außerdem Sprecher der Dresdensia-Rugia Gießen.
2011 wurde Eder / Müller ausgerechnet am 20. April (Adolf Hitlers Geburtstag) von Thomas Gruber zu einem Schießtraining eingeladen (https://autonome-antifa.org/article330). Gruber ist ehemaliger Fallschirmspringer der Bundeswehr, hält die AfD für die „letzte evolutionäre Chance für unser Land“ und ist heute Leiter des baden-württembergischen Landesfachausschusses für Außen- und Sicherheitspolitik, Entwicklungshilfe und Außenwirtschaft der AfD.
Eder übernahm im zivilen Leben 2019 die Leitung des Geschäftsbereiches Information und Kommunikation von Plastic Europe Deutschland mit Sitz in Frankfurt am Main, damals noch als Matthias Müller. Erst in der Zeit danach muss er sich in Matthias Eder umbenannt haben.
Die Bonner Raczeks
Neben einem weiteren namentlich nicht bekannten „Alten Herren“ nahmen sieben jüngere Raczeks am Treffen teil. Neuzugang in Bonn ist Jonas Rasmussen, der bis dahin allein Mitglied der Greifswalder Burschenschaft Rugia war. Auf dem Burschentreffen in Eisenach 2026 fungierte er als Ordner. (Zum Burschentag 2026 und allen hier genannten Teilnehmern beider Veranstaltungen siehe: https://www.dokunetzwerk.org/2026/05/29/verbandstagung-extrem-rechter-burschenschafterin-eisenach/.)

Posieren dem Fotograf Carlo Frank für ein Erinnerungsfoto: John-Luca Pletschen, Hans Kornstädt, Moritz Hillesheim und Jonas Rasmussen (von links)
Weitere Anwesende Raczeks auf dem Burschentag und zugleich in Lohmar waren Niklas Drove, Hans Kornstädt, Carlo Frank und Moritz Hillesheim.



Von links nach rechts: Carlo Frank, Niklas Drove und NN
Moritz Hillesheim gehört zum engen Umfeld von Joachim Paul aus Koblenz. Paul ist rheinland-pfälzischer Landtagsabgeordneter, Vorsitzender im Kreisverband Koblenz der AfD und ebenfalls Raczek, außerdem Türöffner für den neofaschistischen Vorfeldnachwuchs für Ämter und Pöstchen innerhalb der AfD. Seine Günstlinge scheinen mittlerweile einigen seiner Parteikollegen im Kreisverband Koblenz zu belastend für die von Verbotsverfahren bedrohte Partei zu sein: Zwei Vorstandsmitglieder traten zurück und der Kreisverband wurde durch den Landesverband unter einen Notvorstand gestellt. Insbesondere die Betrauung des Internet-Trolls und digitalen Schlägers Patrick Kolek mit vorgeblich ehrenamtlichen Tätigkeiten für die Partei im Bereich Social Media – einem Alleingang von Joachim Paul – brachte das Fass zum Überlaufen (https://www.allgemeine-zeitung.de/politik/politik-rheinland-pfalz/aufstand-im-afd-kreisverband-koblenz-gegen-joachim-paul-5755119 und https://www.allgemeine-zeitung.de/politik/politik-rheinland-pfalz/afd-politiker-paul-nimmt-internet-troll-unter-seine-fittiche-5626418 ). Hillesheim war früher aktiv bei der antiislamitischen Bürgerbewegung Pax Europa (BPE). Er ist Mitglied der AfD Koblenz / Mayen und stellvertretender Vorsitzender der rheinland-pfälzischen Generation Deutschland (GD), dem Jugendverband der AfD.


Moritz Hillesheim, AfD Mayen Koblenz und stellvertretender Vorsitzender der GD Rheinland-Pfalz nestelt ehrfürchtig am Band des „Alten Herrn“
Hans Kornstädt fühlt sich gleichermaßen den Jungen Nationalisten (JN) und der neofaschistischen Identitären Bewegung (IB) zugehörig. Er war außerdem aktiv bei der 2024 aus formalen Gründen aufgelösten Revolte Rheinland. Die Revolte Rheinland war ihrerseits eine Nachfolgeorganisation der Identitären Bewegung, gegründet aus der Befürchtung eines Verbotes der IB heraus. (Zu Kornstädt siehe https://rheinmain-rechtsaussen.org/2026/03/16/generation-paul/ und https://www.spiegel.de/panorama/rechte-burschen-und-ihr-netzwerk-mit-afd-und-neonazis-spiegel-tv-a-c4582d4b-5d30-4c5a-9bf9-924b05b5c5eb.)

Neonazi, IBler und Bursche Hans Kornstädt
Aus dem AfD-Kreisverband Rhein-Sieg, OV Sankt Augustin war außerdem John-Luca Pletschen anwesend. Noch am Samstagmorgen vertrat er seinen Ortsverband bei einem Parteistand in Sankt Augustin. Anschließend ließ er sich in Lohmar absetzen, wo er sich als Erster des Treffens einfand.



John-Luca Pletschen vom AfD-Kreisverband Rhein-Sieg und OV Sankt Augustin: Vom morgendlichen Einsatz am Wahlkampfstand in Sankt Augustin gleich weiter zum Burschentreffen (Quelle rechtes Bild: Screenshot Instagram)
Das eher klein geratene Treffen in rustikaler Umgebung und bei hohen sommerlichen Temperaturen zeigt einmal mehr, dass einige der „Alten Herren“ offenbar strapaziöse Anreisen auf sich nehmen, um sich auszutauschen und stabilen Kontakt zum extrem rechten Nachwuchs zu pflegen. Dieser wiederum mag nach wie vor in Neonazikreisen und weiteren Vorfeldorganisationen zu verkehren, strebt jedoch vor allem regelmäßig Parteikarrieren in der AfD an. Die Partei hat nicht umsonst den Ruf einer „Burschenpartei“.








